Ein Brief an die Welt (2)

Ein Brief an die Welt (2)

Eine der Ursachen warum unser Leben in immer gleichen Bahnen verläuft und dadurch nicht einfacher und angenehmer wird, ist unser Glaubens- und Wertesystem. Es hat sich in Tausenden von Jahren nicht verändert. Die Ursache für Probleme wird in der mangelhaften Anwendung des »Massstabs« gesehen und nicht im »Massstab« selbst. Was wenn wir unsere Richtschnur von Grund auf ungenau abgespannt haben? Eine solche Erkenntnis würde alles verändern. Alles.


Die folgenden Worte könnten auf viele eine geradezu verstörende Wirkung haben. Sie werden glauben, dass es ihre Grundfeste des Lebens erschüttert und ihnen das Fundament unter den Füssen wegzieht. Es ist nicht meine Absicht, irgendwen zu beleidigen oder zu verletzen. Ich hinterfrage nicht das Heiligste in unserem Leben, ich hinterfrage lediglich unsere Sicht, unseren Glauben, unser Handeln. Denn in der Tat ist unsere Art was und wie wir glauben und welches Bild wir von der Architektur des Lebens haben, alles entscheidend.

Ein Moment des Verständnisses

Ich war etwa sechs Jahre alt und eben in meinem Bett aufgewacht. Ich blickte erstarrt an die Decke. Ich konnte mich nicht an den Traum erinnern, der gerade in der Ungreifbarkeit verglühte, aber die Schlussfolgerung der eben in mir detonierten Erkenntnis begann sich vor mir aufzufächern wie ein nie enden wollendes Kaleidoskop. Mir wurde deutlich bewusst: Ich existiere. Ich lebe. Ich bin auf der Weltenbühne aufgewacht. Ich werde meine Rolle spielen und irgendwann wird sich der Vorhang schliessen und ich werde Backstage gehen. Ich werde sterben und ich werde herausfinden, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Ich werde, wenn es ihn gibt, den Master Chief Commander, den Stararchitekten des Multiversums höchstpersönlich treffen. Und meine Reise wird weitergehen, immer weiter, weiter und immer weiter. Ich lebe und es wird nie enden, egal was ich auch tue, ich komme aus dieser Nummer niemals raus. Wäre nicht jeder einzelne Muskel meines ganzen Körpers maximal verkrampft gewesen, ich hätte mich auf der Stelle eingeschissen.

Wo läuft man hin, wenn einem der Himmel auf den Kopf fällt? Die nackte Angst schoss mit Überlichtgeschwindigkeit wie eine Kugel in einem Flipperkasten durch all meine Gehirnsynapsen und bei jeder Berührung mit einem der Schlagtürme blinkten tausend neue Fragen auf. Das Kaleidoskop drehte sich weiter, die verschieden farbigen Fraktale verbanden sich zu neuen Mustern und die Slingshots katapultierten die Kugel erneut in das Labyrinth meines neuronalen Universums unter meinem Schädeldach. Mein Verstand wäre in dieser Nacht um Haaresbreite in den Abyssus des Wahnsinns gestürzt.

Wie die allermeisten von uns verstaute ich die Furcht vor dem Tod in der hintersten Ecke im 428sten Kellergeschoss meines Unterbewusstseins und schloss die Tür hinter mir. Wir Männer sind gut darin, Dinge zu organisieren, zu verstauen und zu verdrängen. Vielleicht kommt von da auch unsere Affinität zu Kellern und Garagen. Frauen sind da ganz anders. Sie haben es nicht so mit Garagen, Kellern und Kisten. Sie wollen immer die am hintersten verstauten Kisten auspacken, darüber reden und durchwühlen unsere Psyche, wie sie es täglich mit ihren Handtaschen tun. Schwerer Seufzer.

In schönen Zeiten denken wir nicht über den Tod nach. Ich vergass die Kiste, ich vergass den Keller. Die Jahre zogen ins Land und ich genoss mein Leben, meinen ersten Kuss, mein erstes Bier. Aber von Zeit zu Zeit schieben sich dunkle Wolken vor die Sonne und genau dann, wenn wir es am wenigsten erwarten, finden wir uns in Kirchen, auf Friedhöfen und an Gräbern wieder und die verbannte Kiste aus dem 428sten Tiefgeschoss findet dich. Und erneut wurde mir gewahr, dass ich ein Reisender in der Ewigkeit bin.

Was Ewigkeit bedeutet, verstehen Leute mit Alzheimer wohl am besten. An den Anfang ihres Lebens können sie sich nicht mehr erinnern und dass es einmal endet, haben sie vergessen. Mehr als sterben können wir nicht? In einem Gefängnis der Selbstauflösung, in den Flammen des Vergessens sein ganzes Leben und alles, was man je liebte zu verlieren, ist schlimmer als jeder Tod.

Warum fürchten wir uns so sehr vor dem Tod? Was erwartet uns den auf der anderen Seite? Diese Vorstellung, egal ob uns diese bewusst ist oder nicht, sie entscheidet wie wir Denken, Fühlen und Handeln. Sie ist die Richtschnur, nach welcher wir unser gesamtes Dasein ausrichten.

Ich traf mich vor Jahren mit einem guten Kollegen. Er ist Facharzt für forensische Psychiatrie und ich fragte ihn, ob ich ihm eine beunruhigende Geschichte erzählen dürfe, ich bräuchte seine fachärztliche Einschätzung dazu. Er war bereit, sich meine Erlebnisse und Schilderungen anzuhören. Auf einer Geschäftsreise lernte ich einen CEO eines internationalen Unternehmens kennen. Der Auftrag nahm einige Zeit in Anspruch, also gingen wir des öfteren gemeinsam Essen, ich nahm an verschiedenen Sitzungen teil, ich wurde auch privat eingeladen und vorgestellt.

Der Typ war eine echte Herausforderung. Er hatte ein extremes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bewunderung, konnte Kritik nicht ertragen und sich nicht in andere Menschen hineinversetzen. Er war impulsiv, aggressiv, unglaublich eifersüchtig und verantwortungslos. Manchmal schien er eine andere Person zu sein, war freundlich, empathisch und gut gelaunt, nur um im selben Moment alles über den Haufen zu werfen und jahrelange Projekte in einem einzigen Augenblick ohne Rücksicht auf Verluste unwiederbringlich einzustampfen. Bekannte von ihm erzählten mir sogar, er hätte von seiner Frau verlangt, ihre gemeinsame Tochter wegzugeben, nur um ihre Liebe zu ihm auf die Probe zu stellen. Er überwache alle seine Angestellten, dulde nicht das geringste Fehlverhalten und hätte schon ganze Abteilungen auf die Strasse gestellt. Meiner Einschätzung nach stelle er das grösste Risiko für das gesamte Unternehmen dar.

Mein Kollege zog die Augenbrauen hoch, lehnte sich auf dem Sofa zurück und richtete seine Armbanduhr, eine unwillkürliche Bewegungsfolge, um etwas Zeit zu gewinnen. Der psychologische Fachbegriff lautet displacement activity. Nervosität und Unsicherheit in höheren Stresssituationen können solche und ähnliche Übersprungshandlungen hervorrufen. Er blickte mich mit ernster Miene an und erklärte mir, dass dieser Mann wohl an drei äusserst schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen leiden würde und dringend einer Therapie bedürfe. Darauf erläuterte er mir die narzisstische, dissoziale und dissoziative Persönlichkeitsstörung und meinte, dass diese leider häufiger in hohen Kaderpositionen anzutreffen seien, jedoch in dieser Ausprägung regelmässig in Katastrophen enden würden.

Ist es nicht erstaunlich? Weit über vier Milliarden Menschen glauben (bewusst oder unbewusst), dass die eben beschriebene Person exakt dem Bild entspricht, welches wir von Gott haben. Das ist unsere Vorstellung von dem, was uns auf der anderen Seite erwartet. Diese Vorstellung ist seit Tausenden von Jahren Teil unserer Identität, Kultur und unserem Verständnis der Welt und unseres Lebens. Und es hat sich seit Tausenden von Jahren keinen Deut verändert.

Sie glauben nicht an so einen Gott? Wenn Sie Christ, Jude oder Moslem sind, tun sie genau das und alle anderen tun es, wenn auch in leicht veränderter Form auch. Die Geschichte der Sintflut und jene von Abraham und Isaak hat sich tief in unseren genetischen Code eingebrannt.

Hier ist es wichtig, genau zu unterscheiden. Ich stelle nicht Gott infrage, ich stelle unsere Vorstellung, die wir von ihm haben, in Frage. Ich greife nicht Gott an, ich verteidige ihn. Es gibt drei Dinge, welche den Islam, das Judentum und Christentum verbindet: Gott sei allmächtig, allwissend und allgegenwärtig. Ich stelle diese drei Attribute einmal auf den Tisch zwischen uns.

Die Sintflut Geschichte erzählt uns von der Vernichtung der gesamten Menschheit, die der Schöpfergott aus Enttäuschung und Zorn über die Bosheit der Menschen auf die Erde geschickt hat. Das Chaoswasser brach in die Welt herein und vertilgte alles Leben. Nur Noah, seine Familie und je ein Paar von allen Tierarten werden verschont. Warum begeht der allwissende Gott einen globalen Genozid an allen Völkern der Erde und verspricht gleich darauf, es nie wieder zu tun, obgleich er weiss, dass sich dadurch das Verhalten der Menschen nicht ändern wird?

Gott forderte von Abraham den absoluten Gehorsam: Er solle seinen einzigen Sohn Isaak töten – zum Beweis seiner bedingungslosen Loyalität. Warum verlangt Gott einen derart grausamen, menschen- und lebensverachtenden Beweis, wenn er schon um die Antwort weiss?

Um sein auserwähltes Volk aus der Geiselhaft Ägyptens zu befreien, erpresste Gott die Pharaonen des Nilstaates und terrorisierte die ganze Gegend, ungeachtet aller Unschuldigen mit Plagen. Das Wasser des Nils wurde zu Blut und war über sieben Tage ungeniessbar. Tausende Unschuldige müssen im staubtrockenen Wüstensand verdurstet sein. Nach den Fröschen kamen die Stechmücken, dann die Fliegen und in ihrem Schlepptau brachten sie die Pest, die eitrigen Geschwüre waren noch nicht verheilt, schon fielen die Heuschrecken über das Land, obendrauf gab es eine dreitägige Finsternis und zum finalen Ausklang des Fine Dining Zehn-Gänge Menüs der apokalyptischen Horrorshow erwürgte Gott höchstpersönlich alle Neugeborenen in der Stadt. Was für eine Vendetta – die ‘Ndrangheta, die brutalste internationale Mafia Italiens, ist übrigens streng katholisch, wurde jedoch vor acht Jahren von Papst Franziskus exkommuniziert und damit aus der Kirche ausgeschlossen.

Dabei hätte der Allmächtige nicht einmal von seinem Thron steigen müssen, ein leicht nach vorn gebeugtes Räuspern hätte gereicht und die Pharaonen wären in den Nil gesprungen und die 7000 km bis zum Viktoriasee durchgeschwommen, ohne Pause und gegen den Strom.

Wir alle kennen diese Geschichten und reflexartig begründen wir das skrupellose Morden Gottes als gerecht und wenn alle Argumente den Geist aufgeben, weil sie einfach überhaupt keinen Sinn ergeben, dann zaubern wir das Killerargument aus dem Hut: Die Wege des Herrn sind unergründlich. Ich kritisiere nicht Gott, ich glaube, er hat mit all diesen Geschichten herzlich wenig zu tun. Aber ich kritisiere die Religionen, die mit ihrem Wagen vor ewigen Zeiten im post-sintflutlichen Schlamm stecken geblieben sind und sich nicht einmal bemühen, den Karren aus dem Dreck zu bekommen.

Alle Geschichten, die uns über Gott erzählt werden, riechen verdächtig nach Menschen. So sind alle Religionen Leistungsgesellschaften, ausnahmslos und alle drohen sie mit endgültigen Konsequenzen. Es ist nicht verwunderlich, dass, wenn unser Gott ein völlig durchgeknallter, soziopathischer Irrer ist, der mit seinem Hang zu Blutorgien und Amokläufen selbst die ‘Ndrangheta in den Schatten stellt, die Leute alles daran setzen, den Fährmann zu bestechen, um nicht über den Jordan gebracht zu werden. Denn was wir auf der anderen Seite anzutreffen erwarten, findet sich auf Erden nur in Gummizellen und Todestrakten.

Aber wieso auch sollten wir unser Gottesbild korrigieren? Über Generationen halten uns die Kirchen arm und der Staat uns dumm. Das gesamte Funktionieren unserer Gesellschaft ist auf Angst aufgebaut – auf die Angst vor Gott.

Wir sagen, Gott sei Liebe. Aber die Liebe zeichnet sich durch eine ganz besondere Eigenschaft aus: der Abwesenheit von Angst. Ich stelle die Liebe zu den drei anderen Attributen allmächtig, allwissend und allgegenwärtig auf dem Tisch dazu.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Fortsetzung folgt…

Jack Kabey

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