Zeitenwende I

Thriller


Richmond Park

        »Mark, hast du ein paar Minuten?« Ruben klopfte an die halboffene Tür von seinem Boss, Mark Horowitz, Verleger und leitender Chefredakteur der Zeitung Global Newsnetwork, für den er nun mehr als acht Jahre arbeitet. Hast du ein paar Minuten – ist der interne Code für eine rote Story, ein glühendes Eisen im Schmelztiegel der Ereignisse. Mark knipste den Flatscreen aus. »Hey Ruben, geht es um die Story, an der du dran bist oder willst du über deine verkorksten Techtelmechtel mit Michelle reden?«
        Bevor Ruben antworten konnte, griff Mark schon nach seiner Jacke. »Nicht hier, lass uns Kaffee trinken gehen.«
        Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Im virtuellen Zeitalter, haben die Wände Ohren und man kann nie wissen, wer gerade mithört. Die guten alten Zeiten, in denen es im Journalismus um wirklich unabhängige und kritische Recherche, fundierte Meinungsbildung, objektive Berichterstattung und reflektierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Brennpunkten ging, sind längst vorbei. Heute geht es nur noch darum, die systemrelevante Zielgruppe durch optimale Platzierung von Werbung und mit als Fakten getarnter Manipulation zu noch mehr Konsum und Gehorsam zu erziehen. Information war einst das Hauptgericht in einem Fünf-Sterne-Restaurant. Später war sie nur noch Beilage, und heute ist sie nur noch die verblichene Glasur auf den herzlos kalt servierten Tellern in einer heruntergekommenen Imbiss-Bude. Global Newsnetwork stemmt sich erfolgreich gegen diese Entwicklung, hat seine Leser weder an Marketing noch an Politik und schon gar nicht an eine Ideologie verkauft und zeichnet sich durch mutige, unabhängige und investigative Recherchen aus.
        Mit einem Bing öffnete sich der Aufzug. Mark rückte seinen Hemdkragen zurecht, während er Ruben über den Spiegel in der Aufzugskabine musterte. »Michelle? Bei den Männerbekanntschaften, die diese Dame hat, könnte man ein Stadtviertel nach ihr benennen. Wann wirst du endlich sesshaft?«

        Die beiden schlüpften durch den hektischen Pendlerverkehr, hinüber zum mobilen Kaffeestand am Richmond Park. Die feuchte Morgenluft streute die Sonnenstrahlen besonders stark, viel stärker als der blaue Himmel am Mittag. In diesem grellen Licht presste Ruben seine Augenlider zusammen, um den diffusen, stechenden Schmerz hinter seinen Augäpfeln etwas zu lindern. Die vergangenen kurzen Nächte hinterließen ein Chaos in seinem Nervenkleid, es fröstelte ihn und die Membran zwischen seinem Körper und seiner Seele konnte mit der Fülle an Eindrücken nicht mithalten. Wie ein junges Küken rang sein Geist mit der Schale der Nacht, um sich den Weg ins Licht der Welt des noch jungen Tages zu erkämpfen. Das Klacken tausender Schritte der Arbeiterkolonie mischte sich mit den Geräuschen von rollenden Autos, dem Brummen, Zischen, Klopfen und Scheppern von Lieferanten und Spediteuren. Ruben umklammerte das Ruder seines Fokus fester, um seinen Geist durch die raue See seiner Wahrnehmung zu steuern. Es roch nach feuchtem Laub, saurem Schwefelwasserstoff aus der Kanalisation, nassem Straßenbelag, Zeitungspapier, einem Hauch von verbranntem Gummi und immer deutlicher, nach Kaffee.

        Beim alten Joe gibt’s den besten Pappbecher-Kaffee in der ganzen Stadt. Während man über den größten königlichen Park Londons, der ursprünglich das Hirschjagdgebiet von König Edward I. war, so einiges weiß, ist über den guten alten Joe so gut wie nichts bekannt – außer, dass er den besten Pappbecher-Kaffee der Stadt brüht.
        Während Mark mit seiner Rechten nach seiner Anti-Spy-Hülle klaubte, zog er, mit seiner Linken, sein Handy aus der Hosentasche. »Morgen Joe, zwei zum Mitnehmen bitte.« Er öffnete die aus einem Hybridmaterial zwischen Aluminium, Kunststoff, Leder und Oxford Ripstop Gewebe gefertigte Schlaube und sie verstauten ihre Handys darin und er übergab sie Joe. Diese kleine Tasche hat die Wirkung einer 10 Meter Sicherheits-Stahlbeton-Wand und unterbindet zuverlässig alle WLan-, GPS-, GSM-, LTE- und Bluetooth-Signale.
        Mark hat schlechte Erfahrungen gemacht. Seit dem Telefon-Hacking- Skandal bei News International 2011, arbeitet man bei Global Newsnetwork ähnlich wie in der Pränatal Chirurgie: separiert, steril, mit Fingerspitzengefühl und Lupenbrille. Damals wurden Telefone von Prominenten, Politikern und Mitgliedern des britischen Königshauses gehackt, die Polizei wurde bestochen und es kam zu kriminellen Einflussnahmen bei der Recherche von Storys. Die Aufdeckung des Skandals führte zu mehreren hochkarätigen Rücktritten innerhalb der News Corporation und selbst der Kommissar des Londoner Metropolitan Police Service, Sir Paul Stephenson, war ebenfalls zum Rücktritt gezwungen. Die Anzeigenboykotte brachen der »News of the World« schließlich das Genick und die Zeitung wurde nach 168 Jahren eingestellt.
        Seit dieser Geschichte trägt Horowitz immer seine Anti-Spionage-Hülle mit sich. Sensitive Gespräche finden seither in konspirativen Rahmen statt und die Handys werden bei Joe im Safe deponiert. Mark ist sich bewusst, dass diese Maßnahme, ein Abhören von Gesprächen nicht gänzlich abwehren kann, aber der Aufwand, den potenzielle Späher aufbringen müssen, wird dadurch mit einfachsten Mitteln doch erheblich erhöht.
        Joe reichte den heißen Kaffee über den Thekenrand. Wortlos wurden Geldmünzen und Blicke ausgetauscht und Mark verabschiedete sich von Joe mit einem Respekt erweisenden Zunicken, welches die nonverbale Kommunikation zwischen den Beiden zu Ende brachte.


        Mark und Ruben schlenderten den Weg entlang, Richtung Sawyer’s Hill. Das sattgrüne Laub der englischen Eichen, die Wärme der Sonne, das Mahnen und Röhren der riesigen Rot- und Dammwildherden, gemischt mit der morgendlichen frischen Brise haben eine angenehm beruhigende Wirkung. Die Park-Spaziergang-Gespräche sind immer wieder ein wohltuender Bühnenbildwechsel. Hier gibt es mehr als 1200 uralte Bäume, von denen einige schon vor der Umzäunung des Parks standen. Diese alten Bäume beherbergen eine Vielzahl von Pilzen, die dazu beitragen, Höhlen und Spalten zu schaffen, die einer Vielzahl von Ameisen, Käfern, Vögeln und Fledermäusen ein Zuhause bieten. Der natürliche Zerfall von stehenden Bäumen und umgestürztem Holz beherbergt viele seltene und gefährdete wirbellose Tiere. Im Richmond Park wurden über 1.350 Käferarten gezählt, von denen viele auf verrottendes Holz angewiesen sind. Hirschkäferlarven zum Beispiel ernähren sich von verrottendem Holz und müssen drei bis sieben Jahre lang ungestört bleiben, bevor sie sich verpuppen und als Erwachsene schlüpfen.
        Mark schob seine filigrane Brille Richtung Nasenwurzel. »Wie ist es in Israel gelaufen?«
        Ruben spielte an seiner Armbanduhr herum, um sich zu sammeln und einige Sekunden zu gewinnen. In der Psychologie nennt sich dieses Verhalten displacement activity, eine Übersprungshandlung, um Stress abzubauen. »Die Sicherheitslage ist im ganzen Land sehr angespannt. Die Leute sind extrem misstrauisch und nervös. In Tel Aviv konnte ich mich kurz mit dem Generaldirektor des israelischen nationalen Cyber-Direktorats unterhalten. Er speiste mich jedoch mit der Standardaussage ab, dass zu laufenden Untersuchungen prinzipiell keine Auskünfte erteilt würden. Generell gestaltet sich die journalistische Arbeit in Israel zeitaufwendig, was sich in der aktuellen Lage fast unerträglich aufsummiert. Die Random Checkpoints wurden nochmals um ein Vielfaches erhöht.«
        Mark trank einen Schluck Kaffee und ließ seinen Blick in die Weite schweifen. Er wusste nur zu gut, wovon Ruben sprach. Lange genug hatte er in internationalen Recherchen, zwischen konservierten, ewig gleichen Flug-Menüs, desolaten Hotelzimmern, stickigen Taxifahrten, dornigen Interviews und beziehungslosem und knappem Schlaf nach Fakten und Informationen gewühlt und diese zu einem Gesamtbild zusammen zu puzzeln versucht.
        Ruben stellte seinen inzwischen halbleeren Kaffeebecher neben sich auf eine Parkbank, um frei gestikulieren zu können. »In einem kurzen Telefonat, das ich mit Ayman Safadi, dem Außenminister von Jordanien, führen konnte, beteuerte dieser, dass das Video eine hochprofessionell gemachte Fälschung sei und es eine solche Verhandlung nie gegeben habe. Das war kein Dementi aus der Konservendose. Er bettelte geradezu darum, ihm zu glauben und seltsamerweise beschuldigte er auch niemanden. Auf die Frage, wer denn ein Interesse daran haben könnte, die israelisch-jordanische Beziehung zu kompromittieren, antwortete er, dass dies die alles entscheidende Frage sei, welche jedoch keinesfalls auf elektronischem Weg zu erörtern sei und legte auf. Die nackte Angst flatterte in seiner Stimme.«
        »Hattest du Kontakt zu Ron Yaron von der Jedi’ot Acharonot?« erweiterte Horowitz den Radius.
        Ruben griff nach seinem Kaffeebecher. »Als Chefredakteur der größten Boulevard-Tageszeitung Israels hat er seine Augen und Ohren überall. In unserer Branche wird Verschwiegenheit großgeschrieben. Aber ein paar vage Hinweise, kleine Brotkrümel wurden mir bis anhin immer hingeworfen. Wir kennen uns gut und er kennt meine Professionalität. Im investigativen Journalismus gibt es Grenzen, die man niemals überschreiten darf und er weiß, wie genau wir uns an diese Regeln halten. Aber da war nichts … nichts, wie in einem Vakuum. Alle Schotten wurden dicht gemacht.«
        Marc versuchte sich einen Reim darauf zu machen. Wann immer jemand mauert, hat er Informationen, die er nicht teilen will, kann oder darf, analysierte er in seinen Gedanken, ehe er von Ruben unterbrochen wurde.
        »Deshalb habe ich ein paar Kontakte aus meiner Dienstzeit reaktiviert. Einer davon ist nun bei Kidon.«
        »KIDON?« Mark Horowitz ließ sich auf die Parkbank sinken, während er Ruben fassungslos anblickte. »Himmel, bist du verrückt geworden? Das ist nicht gerade unriskant.«
        Ruben blickte sich kurz um und setzte sich zu Mark, während Horowitz Rubens Worte mit seiner beruflichen und menschlichen Erfahrung abglich.

        Nach der Geiselnahme in München 1972 führte die israelische Armee die Politik des »sikul memukad« ein, was gezielte Prävention bedeutet und nichts anderes als die gezielte Tötung von Feinden des jüdischen Staates meint. Damals wurde die Mossad-Sondereinheit Caesarea damit beauftragt, die Hintermänner des Olympia-Attentats aufzuspüren und zu liquidieren. Caesarea schaltete in zum Teil spektakulären internationalen Operationen weit über 20 Ziele aus und war bis zur Unterzeichnung des Osloer Abkommens im Jahr 1994 aktiv. Kidon ist der Nachfolger von Caesarea und führt gezielte Attentate und Entführungen unter höchster Geheimhaltung durch. Trotz seiner aufsehenerregenden Pannen, wenn es denn Pannen waren, ist der israelische Geheimdienst der bestinformierte Geheimdienst der Welt.


        Mark richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf Ruben. »Was hast du ausgegraben?«
        Mark mochte es gar nicht, wenn man ihn mit einem pseudo- psychologischen Eiertanz an unbequeme Wahrheit heranführen wollte, also ließ ich die Katze ohne Umschweife aus dem Sack. »Diese Geschichte ist von globalem Ausmaß. Sie übertrifft alles, was es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hat und sie wird unser aller Leben in seinen Grundfesten erschüttern und auf alle Zeiten verändern.«
        Horowitz beugte sich vornüber, vergrub sein Gesicht in beiden Händen und stieß einen bewussten schweren Seufzer aus. Er ahnte es. Alle Informationsfragmente der vergangenen Monate wiesen in dieselbe Richtung. Nun ist es also so weit. Mark schaute auf seine Uhr und überschlug kurz die anstehenden Aufgaben und deren Prioritäten. Als ob es jetzt noch etwas Wichtigeres geben könnte, dachte er bei sich. »Wir müssen unsere gesamten Kommunikationsverbindungen überprüfen und unser Sicherheitskonzept den neuen Bedingungen anpassen. Ich werde eine Dringlichkeitssitzung mit dem Verwaltungsrat einberufen. Treffen wir uns in zwei Stunden in der Bubble? Bereite dich kurz vor: Situationsbericht, Faktenlage, weiteres Procedere.«
        »Ich bin bereit. Darf ich vorschlagen, dass wir die Runde mit IT-Spezialist Callahan und unserem Freund Dada ergänzen?« fragte Ruben, während er erneut seine Uhr am Handgelenk in Position brachte.
        Benjamin Callahan ist der IT-Spezialist des Hauses. Sein außergewöhnliches Fachwissen im IT-Bereich, gepaart mit der Gabe, es auch interessant und verständlich zu erklären, macht ihn geradezu brillant. Paul Dada, der 1,98 m große Doktor der Psychologie mit mauretanischen Wurzeln, arbeitet nicht für Global Newsnetwork, aber irgendwie gehört er doch zum Inventar. Horowitz, Menachem und Dada lernten sich vor vielen Jahren bei der Recherche zu einem Kriminalfall kennen und sind seither beste Freunde. Mark und Ruben nennen ihn nur PD, eine Anspielung auf seine Initialen und seinen Doktortitel. Wenn Sie schon nichts zu dieser Geschichte beitragen, sollten Sie wenigstens in der Lage sein, ihr zu folgen, meinen Sie nicht?
        »Dada kann nicht schaden. Wir beide leiden wahrscheinlich schon an einer Prä-traumatischen Belastungsstörung. Na komm, lass uns dieses Hornissennest in den Belüftungsschacht der Matrix werfen und schauen, was dann passiert« scherzte Horowitz mit einem Lächeln.


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Jack Kabey

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